Die Sumpfgeborene

Eine multi-disziplinäre Annäherung an den Barock aus der Gegenwart

Im September rückt das Ensemble matthaei & konsorten mit dem ersten Teil der interdisziplinären Performance „Die Sumpfgeborene“ zu szenischen Entdeckungsreisen an die Ränder der Stadt aus, um abseitige Orte Berlins mit barockem Material zu durchdringen. Zur Premiere, die im November in den Sophiensaelen stattfindet, eignet sich das freie Theaterensemble die Epoche dann auf der Bühne mit Haut und Haar an.

Berlin, aus Sumpf geboren und nach ihm benannt, begann im 17. Jahrhundert langsam zu dem zu werden, was es heute ist. Vor der opulenten Kulisse des aktuellen Stadtbilds beackert der Regisseur Lukas Matthaei mit seinem Team die Motive der längst vergangenen Zeit und untersucht sie auf ihre Gegenwartstauglichkeit: die Lust an Pracht und Fülle, die Bewunderung von Technik und Kulisse und das Bedürfnis nach Symmetrie und Täuschung. 

Mit Musik, Text, Expertenwissen und motivischem Reichtum bringt das Ensemble die morastige Rückseite des Barock zunächst in den szenischen Exkursen ans Licht und wappnet sich so für die bevorstehende Premiere im theatralen Rahmen.

Der Barock ist ein Phantasma

Der Regisseur Jörg Lukas Matthaei ist spezialisiert auf Interventionen in urbanen Landschaften. Basierend auf dokumentarischen Forschungen zu unterschiedlichen Themenfeldern entstehen in seinen Inszenierungen dichte Themenräume, die sinnlich erfahrbar sind. Für seine Exkurse in unterschiedliche Vorstellungswelten ist Matthaei stets auf der Suche nach eigensinnigen Betrachtungs- und Lebensweisen, die in unserer geglätteten Welt zum Widerstand inspirieren und flicht diese in Form von Interviews und Kurzvorträgen in seine Arbeiten ein.

Von & mit André Nittel, Nambata Shapaka, Volker Sobottke, Anne Welenc

Konzept, Regie: Jörg Lukas Matthaei| Dramaturgie: Milena Kipfmüller | Musikalische Leitung, Komposition: Klaus Janek | Ausstattung, Kostüm: Michael Gaessner| Produktionsleitung/Dramaturgische Mitarbeit: Sarah Stührenberg | Mitarbeit Inszenierung: Sofie Neu | Mitarbeit Ausstattung: Lotti Maurar | Technik: Chris Umney | Dokumentation: Florian Krauss | Fotografie: Merlin Nadj-Torma

Aufführungen Teil 1 (siehe unten) 16.,17.,19.,20. September 2020 Premiere Teil 2                                           26. November 2020, 20 Uhr
Weitere Vorstellungen                             27., 28., 29. November 2020, 20 Uhr
Ort                                                                  Sophiensæle| Sophienstr 18 | 10178 Berlin
Preise für Sophiensaele                           15,- Euro | ermäßigt 10,- Euro  
Tickets, Anmeldung und Infos               http://sophiensaele.com
                                                                         http://matthaei-und-konsorten.de

*Die genauen Treffpunkte werden nach Anmeldung bekannt gegeben

**Die Veranstaltungen finden teilweise im Freien statt. Bitte tragen Sie wettergerechte Kleidung und festes Schuhwerk. Es werden teilweise Strecken von ca. 15 Minuten Fußweg zurückgelegt. An den Spielorten gibt es Sitzmöglichkeiten. Die Probebohrungen sind nicht barrierefrei.

Die vier Probebohrungen im September

I. VOM STAUB DER STADT IN HEINERSDORF
Mittwoch, 16.9.20, 19 Uhr | Heinersdorf

Baggerballett mit Vanitas-Motiven & Close Ups auf die Falten der Seele

In den Hallen des Baustoffrecyclings am Rande der Stadt werden Fassaden, Büros & Wohnungen zu Brocken & Staub zerschlagen, um neuen Stoff für die Innenstadtträume ewig wachsender Immobilienwerte zu gewinnen. Nachdem Leibniz die Seele als Haus ohne Fenster beschrieb, projizieren wir individuelles Kopfkino aus dem Wimmelbild der Stadt ins Halbdunkel der riesigen Halle. Drei Nüsse für Aschenbrödel überlagern sich mit Bildern der barocken Komponistin & Courtisane. Die Libertinage in den Dunkelkammern der Clubs der 00er Jahre wirkt bereits ähnlich verblasst wie Erinnerungen an die verbrannten Haare des Vaters.

II. GOLDMACHEREI IN MITTE
Donnerstag, 17.9.20, 19 Uhr | Mitte
Vom postkolonialen Befreiungskampf in Meck-Pomm zum Risikokapital hinterm Altar

Brandenburg besetzte im Barock seine erste Kolonie im heutigen Ghana, an der sogenannten „Goldküste“. Während versklavte Menschen von hier aus nach Amerika verschleppt wurden, ließen sich die Planer der Ausbeutung & Kriegsgewinnler prächtige Gruften des Schlossarchitekten Schlüter bauen. Drei Jahrhunderte später schickten die Befreiungskämpfer der ehemals deutschen Kolonie Namibia 400 Kinder in die DDR, um sie vor Kriegsmassakern zu schützen & zur kommende Elite des Landes auszubilden. Als das eine Land sich auflöste & das andere unabhängig wurde, fanden sich diese Jugendlichen ausgesetzt in der fremden Heimat – eine hat ihren Weg zurückgefunden.

III. EINE KANTATE AUF BRUTALISMUS & BIOPOLITIKEN
Samstag, 19.9.20, 17 Uhr | in Lichterfelde

Dieses Architekturdenkmal erinnert an ein Kriegsschiff, das der Death Star aus „Star Wars“ hier geparkt hat. Das bewahrheitete sich tatsächlich für unzählige Tiere im Innern des Baus, um so das Leben der Menschen zu verlängern. Vor diesem Hintergrund untersuchen wir die emotionalen Erreger von Schuld & Reue, die uns aus barocken Kantaten befallen können. Während magische Sprüche von Berliner Alchimisten & „Jackass“-Experimente von MTV die Grenze zwischen Naturwissenschaft & Spektakeleffekten auflösen.

IV. SONNENRÄDER AUFM RIESELFELD
Sonntag, 20.9.20, 17 Uhr in Gatow

In diese menschengemachte Landschaft weit vor den Toren der alten Stadt hat Großberlin hundert Jahre lang Gülle & Krankheitserreger aus der Innenstadt hinausgepumpt, worauf Obst & Gemüse gepflanzt wurden. Später sind Wessis zum Sonntagsspaziergang in die Idylle gefahren, um den ungewohnt weiten Horizont zu genießen. Wir evozieren hier das Genre der höfischen Feste des Barock, die sich teils über mehrere Tage erstreckten mit ihrem schier unendlichen Ressourcen-aufwand, nicht endenden Speisenfolgen & ausufernden Berichten – die mindestens ebenso wichtig wie die Feier selbst waren.

Hygiene Hinweise die Veranstaltung findet unter Einhaltung der Abstandsregeln statt. Für das Betreten von Gebäuden muss ein eigener Mund-Nasen-Schutz mitgebracht werden

Eine Produktion von matthaei & konsorten in Koproduktion mit SOPHIENSÆLE. Gefördert von der Senatsverwaltung für Kultur und Europa und dem Fonds Darstellende Künste e.V. Medienpartner: taz.die tageszeitung