Trauma: rechte Zukunft/deutsche Geschichte(n)

Kunst- und Diskurs gegen ein Erstarken der rechten Szene in Deutschland

Die Veranstalter*innen Elisa Müller, Annett Hardegen und Sebastian Eis laden Künstler-, Aktivist- und Wissenschaftler*innen unterschiedlichster Disziplinen ein, um an drei langen Wochenenden die Strukturen, Ursachen und Wirkungen rechter Bewegungen unter die Lupe zu nehmen und das Umfeld ihres eigenen Kulturschaffens nach rassistischen Praktiken abzuklopfen.

Das Erstarken rechter Tendenzen der letzten Jahre führt auch zurück in die Vergangenheit: Wie und an welchen Stellen lassen sich Verbindungen ziehen, die dieses Aufleben der rechten Szene in Deutschland mit der mangelhaften Aufarbeitung der Nazi-Diktatur zusammendenken?

Die Kunst- und Diskursreihe „Trauma – rechte Zukunft/deutsche Geschichte(n)“ in der Vierten Welt geht solchen Verbindungen nach, indem sie künstlerische und wissenschaftliche Stimmen in einen Austausch bringt. Zahlreiche Künstler-, Aktivist- und Wissenschaftler*innen nähern sich mit ihren Mitteln der Bedeutung dieser unbewussten Erbschaften an, die durch Generationen hindurch wirken. Zusammenhänge alter und neuer Geschichte werden in wissenschaftlichen Inputs und künstlerischen Diskursen gegeneinander gelesen und vermeintlich vergangenes und aktuelles rechtes Denken in Filmen, Lesungen und Performances dekonstruiert und untersucht. Dabei fragt die Reihe auch danach, wie Kunst Trauma bearbeiten kann und ruft theoretische und aktivistische Ansätze einer Praxis der Detraumatisierung auf.

Der Versuch, „die traumatisierenden Folgen des faschistischen Jahrhunderts“ zu analysieren, wird unter drei Überschriften gefasst: Der erste Teil „Wir müssen reden“ lässt die Stimmen der negativ Betroffenen von Rassismus zu Wort kommen und hinterfragt strukturelle Gewalt, die beständig reproduziert wird, da sie im Alltag oft nicht wahrgenommen wird. Das mit dem Titel „Unheimliche Wiedergänger“ überschriebene zweite Wochenende widmet sich nationalsozialistischen Ideologien, die auch nach 1945 weiter in Deutschland wirksam waren. Die Arbeit konzentriert sich hier auf die Kontinuitäten von Alt-Nazis, die an unterschiedlichsten Machtpositionen in Architektur, Kunst, politischen Institutionen in die Gesellschaft hinein, vor allem aber auch in Familien weiterwirkten. „Das ist nicht unser Land“ ist der letzte Abschnitt der Reihe und widmet sich einerseits der spezifischen Geschichte der ehemaligen DDR und andererseits lokalen Bewegungen und institutionellen Überlegungen in Bezug auf antirassistische und antisemitische Praktiken.

Alle drei Wochenende beinhalten Performances, Gespräche, Lesungen, Filmsichtungen und Workshops: Unter anderem findet je eine aktuelle Inszenierung von Julia*n Meding, Elisa Müller/Institut für Widerstand im Postfordismus und Dirk Cieslak statt, die das Thema unter einem sehr persönlichen Aspekt verdichtet und beleuchtet. Im ersten Block wird Wirya Budaghi einen Workshop zu Praktiken des Anti-Rassismus und critical whiteness geben und einen artist talk mit Nathalie Anguezomo Mba Bikoro und Barış Seyitvan halten. Am zweiten Wochenende gibt es einen Workshop mit dem Historiker Johannes Spohr, in dem man lernt zur eigenen Familiengeschichte während der Nazi-Diktatur zu recherchieren. Am dritten Wochenende sind u.a. Alexandra Senfft und Peter Pogany-Wnendt vom Arbeitskreis für intergenerationelle Folgen des Holocaust (ehem. PAKH e.V.) zu Gast, die sich um einen Dialog zwischen Täter*innen- und Opfer-Nachfahren bemühen.

Traumascape
In der im vergangenen Herbst erstmalig gezeigten Performance Traumascape untersuchte Julia*n Meding gemeinsam mit der Performancekünstlerin Teta Marie Carangi, der Künstlerin Julia König, der Dramaturgin und Produzentin Annett Hardegen Fälle von Missbrauch von Rationalität in der europäischen Wissensgeschichte und projizierte daraus resultierende Traumata in den Bühnenraum. In Form eines fiktiven Rituals fragten sie dabei nach Möglichkeiten der Heilung. Für Trauma: rechte Zukunft/deutsche Geschichte(n) wird Meding Traumascape in den Raum der Vierten Welt und in eine andere Zeitlichkeit übersetzen und Besuchende dazu einladen, Rationalität mit anderen Formen von Wissen, Wahrnehmung und irrationalen Praktiken zu konfrontieren.
Performance/Musik Teta Marie Carangi, Julia*n Meding Konzept Julia*n Meding, Annett Hardegen Raum Julia König Kostüm Nora Hansen

Böse Déjà-vus
In nahezu jedem Bereich des öffentlichen und privaten Lebens in Deutschland setzen sich nach 1945 die Nazi-Kontinuitäten fort. Eine ausreichende Entnazifizierung fand nicht statt. Weder im öffentlichen Sektor noch im privaten Raum. Wo sollten sie hin? Sie konnten sich nicht in Luft auflösen, die Mitläufer:innen und Überzeugten, die Täter:innen wie Mitwisser:innen. Was bedeutet es jetzt, 75 Jahre später einen Blick darauf zu werfen, aus der dritten, aus der vierten Generation heraus? Was ist in den Familien passiert? Wie haben sich die Nazi-Verstrickungen weitergetragen? Und was hat das alles mit den rechten Bewegungen in der Gegenwart zu tun.
Die (un-)heimliche Wiederkehr von rechter Täter:innenschaft ist der Ausgangspunkt der performativen Arbeit „Böse Déjà-vus“. Sie versucht den Horror der ewigen Wiederholung einzufangen und nimmt sowohl sozialpsychologische Theorien der Transgenerationalität wie auch die historische Faktizität von offensichtlichen und versteckten Nazi-Identitäten in der deutschen Gesellschaft nach 45 bis heute in den Blick. Dabei schafft die Performance ein Format, das die Atmosphäre und symptomatischen Merkmale eines „bösen Déjà-vus“ einfängt.
von und mit Vega Damm, Elisa Müller, Marcus Reinhardt, Anna Helene Zöllner Regie Elisa Müller Dramaturgie Vega Damm Ausstattung Michi Muchina Technik Sebastian König

Das ist nicht mein Land
In einer Videolandschaft aus Brandenburger „Lost Places” entfaltet der Darsteller Malte Scholz die Erzählung eines Lebens. Die Performance erzählt anhand der Biografie eines Menschen ein Jahrhundert. Es ist die Biografie eines widerspenstigen alten Mannes, der am Ende seines Lebens aus der Zeit gefallen ist. Er ist Ingenieur, ein Mann der Wirtschaft und des Ostens. sozialistischer Wirtschaftsführer und kapitalistischer Kiesgrubenbesitzer. Wir nennen ihn: Herr M. Herr M. ist ein Mensch des „sowjetischen Zeitalters”. Ein Bürger der DDR. Ein Freund der „Russen”. Hitler-Junge in der Schlacht von Halbe. Er lebt in einer feuchten Niederung zwischen Schuppen, Maschinen und alten Bauwagen mit der Schäferhündin Elsa, Katzen, Hühnern und einem Pferd.
Die Fäden dieser Erzählung(en) führen durch die Schrecken eines Jahrhunderts, um sich an ihren Enden in ein großes Nichts aufzulösen. Diese Geschichte ist erfunden und wahr in ein und demselben Moment. Hat Herr M mit Walter Ulbricht gezeltet? War er ehrenhalber ein Oberst der Roten Armee? Das ist nicht mein Land, entsteht auf Grundlage von Interviews mit einem 90jährigen Zeitzeugen aus Groß Köris in Brandenburg, die in den Sommern 2020 und 21 geführt wurden.
Regie: Dirk Cieslak | Darsteller: Malte Scholz | Bühne: Michaela Muchina | Kamera/Schnitt: Amadeus Altmann | Videobearbeitung: Lea Nagano | Sound: Macarena Solervicens Ruz Dramaturgie/Produktion: Annett Hardegen

Elisa Müller und mit ihr das Institut für Widerstand im Postfordismus beschäftigen sich seit 2018 mit dem Erstarken rechter Tendenzen und der Frage, welche Zusammenhänge zwischen den historischen Altlasten der rechten Geschichte Deutschlands und dem gegenwärtigen Rechtsruck bestehen. Annett Hardegen leitet die Vierte Welt und arbeitet seit gut zehn Jahren zusammen mit anderen Künstler*innen in diversen Formaten, um die Konsequenzen und Ausformungen eines neoliberalen und zunehmend rechtspopulistischen Macht-Zusammenspiels zu erkunden. Sebastian Eis beschäftigt sich als Philosoph und Produktionsassistent mit Werdensprozessen und dem Verhältnis von Politik und Ästhetik.

von und mit u.a.: Nathalie Anguezomo Mba Bikoro (Künstler*in), Sylvia Battegay (Kurator*in, 3G: Kunst der dritten Generation), Wolfgang Brauneis (Kunsthistoriker*in und Kurator*in), Alina Brehm (Sozialpsycholog*in), Markus Brunner (Sozialpsycholog*in und Soziolog*in), Wirya Budaghi (Künstler*in und Performer*in), Dirk Cieslak (Regisseur*in), Max Czollek (Historiker*in, Künstler*in und Kurator*in), Tahir Della (Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland Bund e.V.), Leon Kahane (Künstler*in), Julia Köhne (Kulturwissenschaftler*in), Philipp Krüpe (Architekt*in und Kulturtheoretiker*in, Rechte Räume), Mahret Ifeoma Kupka (Kunstwissenschaftler*in und Kurator*in, TALKING OBJECTS), Michael Küppers-Adebisi (Lyriker*in und Multimediakünstler*in, Coalition of Cultural Workers Against the Humboldt Forum), Patrick Lohse (Kameramensch und Produzent*in), Angela Moré (Sozialpsycholog*in und Gruppenanalytiker*in), Julia*n Meding (Künstler*in, Performer*in), Elisa Müller (Künstler*in, Performer*in, Regisseur*in), Massimo Perinelli (Historiker*in), Peter Pogany-Wnendt (Psychotherapeut*in und Psychiater*in), Patrice Poutrus (Historiker*in und Migrationsforscher*in), Isabel Raabe (Publizist*in und Kurator*in, TALKING OBJECTS), Mala Reinhardt (Regisseur*in), Dominik Rigoll (Historiker*in), Pasquale Virgine Rotter (Moderator*in und Berater*in), Alexandra Senfft (Autor*in und Publizist*in), Barış Seyitvan (Künstler*in und Kurator*in), Johannes Spohr (Historiker*in), Benedikt Stoll (Architekt*in, guerilla architects), Katharina Warda (Autor*in und Moderator*in), Christian Weißgerber (Kulturwissenschaftler*in und Philosoph*in), Anna-Lena Werner (Kunsthistoriker*in und Kurator*in)

Wann              28.4 -15.5.2022, jeweils Do-So
Ort                  Neues Zentrum Kreuzberg | Galerie 1. OG | Kottbusser Tor | Adalbertstr. 96
Ticketpreise   11€ |7€ | 3€
Tickets unter karten@viertewelt.de |
Infos               www.viertewelt.de

Trauma – rechte Zukunft / deutsche Geschichte(n) ist ein Projekt des Instituts für Widerstand im Postfordismus und der Vierten Welt, gefördert durch die Senatsverwaltung für Kultur und Europa und dem Bezirksamt Friedrichshain- Kreuzberg. Die Veranstaltung Migration entsteht in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Die Veranstaltung Kontinuitäten nach ´45 wird von der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert. „Taumascape“ ist eine Produktion von Julia*n Meding, gefördert von der Senatsverwaltung für Kultur und Europa und dem Fonds Darstellende Künste aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, mit Unterstützung von VIERTE WELT und Gessnerallee Zürich. „Böse Déjà-vus“ ist eine Produktion des Instituts für Widerstand im Postfordismus Kooperation mit Vierte Welt Berlin. Gefördert vom Fonds Darstellende Künste e.V. „Das ist nicht mein Land“ ist eine Produktion von Dirk Cieslak mit der Vierten Welt, gefördert durch die Senatsverwaltung für Kultur und Europa.