BLOCK | Tapiola – Versteckt im Wald liegt die Zukunft vergessen

Eine performativ-installative Bespielung  des Neuen Zentrum Kreuzberg über die Utopien des besseren Lebens

Im Neuen Zentrum Kreuzberg liegt die Vierte Welt am toten Ende einer Ladengalerie, die nie als solche funktioniert hat. Macht man ein Foto von ihm, könnte der Raum der Vierten Welt fast überall auf der Welt liegen: in den Banlieues von Marseille, im nigerianischen Victoria Island, in Brasilia oder in den Wäldern und Städten der nordischen Staaten. Der Block ist universal.

Das Ensemble der Vierten Welt widmet sich in „Block“ zum dritten Mal den Utopien eines besseren Lebens, die vor rund 50 Jahren mit dieser Architektur verbunden waren. Von dem in Stahlbeton gegossenen Neuen Zentrum Kreuzberg nimmt die Vierte Welt 2017 Verbindung zu einem fernen Block auf: Tapiola in Espoo, Finnland. Das Ensemble schreibt die universale Geschichte verlorener Utopien fort und schleudert sie aus der Vergangenheit in eine mögliche Zukunft.

Tapiola ist eine Gartenstadt, die Ende der 1960er Jahre im felsigen Wald Finnlands errichtet und nach dem Waldgott Tapio benannt wurde. Sie galt in der Welt der Architektur als ein gelungenes Beispiel modernen, skandinavischen Städte- und Wohnungsbaus, der mit großem Engagement und ohne Kompromisse realisiert wurde. Tapiola war fortan ebenso eine Attraktion für Fachleute wie für Touristen, die scharenweise nicht nur aus Finnland und Helsinki selbst, sondern auch aus zahlreichen anderen Ländern anreisten.

Das finnisch-deutsche Ensemble der Vierten Welt belebt für Block | Tapiola  verschiedene Räume der Ladengalerie des Neuen Zentrums Kreuzberg mit performativen Interventionen und Rauminstallationen. Im Kahvi-Olli trifft das Publikum auf die freundlichen und stolzen Bewohner von Tapiola. Bei Olli können sie verweilen solange sie wollen, vorausgesetzt sie haben einen Filterkaffee bestellt. Sie können stattdessen auch mit dem Waldgott durch sein Reich schleichen oder sich von zwei Finninnen in die Freuden des Hobbyhorsings, dem neuen Nationalsport der weiblichen Jugend Finnlands  einführen lassen. Es ist aber auch möglich, mitten in Kreuzberg einfach nur durch ein Fenster auf den endlosen, mit Seen und Felsen durchsetzten finnischen Wald zu schauen und darauf zu hoffen, dass ein Tänzchen geschieht und der Winter bald wieder vorbei ist. Umgeben vom urbanen Sound des Kotti, von mythischen Erzählungen und ganz viel Wald, entsteht eine performative Neu- und Überschreibung verloren geglaubter Utopien – auf der Suche nach der Schönheit des Lebens in den Blocks von heute.

In Blocks realisierte sich bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts die Vision idealer, menschengerechter Städte, die am Reißbrett entstehen. Rund um den Globus errichtet, markieren sie bis heute eine vom Nachkriegsboom befeuerte Fortschrittsmoderne. Ihr optimistisches Versprechen auf ein besseres Leben für alle hat sich nicht eingelöst. Weltweit sind die Blocks vor allem zum Sinnbild einer gescheiterten Utopie geworden und stehen synonym für sozialen Abstieg und Vernachlässigung, für Tristesse und Einsamkeit oder Kriminalität und Gewimmel. Es ist eine Ironie der Geschichte: Der Moment, in dem die Menschen sich in diesen neuen Wohn- und Lebensräumen einrichten, markiert das Ende der Ära der Fortschrittsmoderne, in der sich der Neoliberalismus bereits ankündigt. Blocks erscheinen heute nur mehr als Wracks der Fortschrittsmoderne inmitten einer hysterischen Gegenwart.

Die Vierte Welt beschäftigt sich mit dem Thema Leben im Beton seit 2013 im Abstand von zwei Jahren jeweils wieder aus neuer Perspektive. Während sie sich 2013 dem eigenen Block widmete , seine Geschichte rekonstruierte und das Neuen Zentrum Kreuzberg für das Publikum in performativen Rundgängen öffnete, wurde 2015 eine Verbindung zum Stadtteil Ekbatan aufgenommen, einem stadtbaulichen Artefakt aus dem nie verwirklichten Masterplan für ein neues modernes Tehran von 1969.

Leitung: Dirk Cieslak Performance: Minni Gråhn, Sannah Nedergård, Marcus Reinhardt, Mariel Jana Supka Raum/Ausstattung: primavera*maas Video/Sound: Julia Krause Dramaturgie: Nadine Vollmer Produktion: Annett Hardegen Koordination Finnland: Markus Alanen / Mad House Helsinki

Premiere am 10. November 2017
Weitere Vorstellungen am 11., 13., 14., 15. und 16. November 2017
Vierte Welt | Neues Zentrum Kreuzberg | Galerie 1. OG | Kottbusser Tor | Zugang über Außentreppe Adalbertstr. 96
Tickets: 11€ |7€ | 3€ Tickets unter karten@viertewelt.de oder 0157-88440941

Ein Produktion der Vierten Welt, gefördert durch den Regierenden Bürgermeister – Senatskanzlei kulturelle Angelegenheiten. In Kooperation mit der Theaterakademie der Universität der Künste Helsinki und in Kollaboration mit Felipe Cusicanqui. Mit Unterstützung des Goethe-Instituts Helsinki und des Finnischen Kulturministeriums.

Dank an Kristi Sysikaki, Olli Juvonen, Meri Anna Hulkkonen, Erro Keränen, Jukka Silvenius, Eva Kivilaakso-Wellmann und den Mitarbeitern von Kahvi-Olli.