Staatenlos

Eine Inszenierung über Widerstand und Scheitern in der Reichsbürgerszene

Das Performance-Label internil widmet seine nächste Theaterarbeit dem wachsenden Lager der Reichsbürger und Selbstverwalter. Was hat es mit der Abwendung der Bürger von ihrem eigenem Staat auf sich?

Für die raumgreifende Inszenierung im Theaterdiscounter nutzt internil das ebenso facettenreiche wie theatralische Material, mit dem die Aktivisten ihren Widerstand in Szene setzen. Initiationsriten, Staatsgründungs-Zeremonien, Schulungs- und Dokumentationsvideos der Widerständler werden zum Spiel- und Ausgangsmaterial. „Staatenlos“ nimmt dazu das Spiel von Fakt und Fiktion auf, das die Realität der Reichsbürger bestimmt. Was bedeutet es für das politische Mit- und Gegeneinander, wenn der reale Staat zur Fiktion und stattdessen ein Scheinstaat zur bestimmenden Wirklichkeit erklärt wird? Wie die Reichsbürger-Szene selbst ist auch die Theaterarbeit von internil bestimmt durch die zahlreichen Möglichkeiten von Internet und multimedialer Technologie.

Zugleich auf alte deutsche Reiche oder essentialistische Utopien bezogen und mit hochtechnisierten Methoden vertraut, verbinden Reichsbürger ewig Gestriges mit Hypermodernität. Menschen, die dem demokratischen Rechtssystem aus dem Weg gehen, eigene Scheinstaaten gründen, Steuern und Abgaben verweigern, die BRD als Briefkastenfirma verstehen und ihr den Krieg erklären, sind kein neues, aber immer aggressiver werdendes Phänomen in Deutschland. Adrian Ursache, Peter Fitzek oder Wolfgang P. sind drei der über 12.000 Reichsbürger, die es zu trauriger Berühmtheit gebracht haben.

Der Weg in die Szene fängt dabei oft klein an, etwa mit einem Bußgeldbescheid und der Frage: Muss ich das eigentlich bezahlen? Suchergebnisse und Kommentare in sozialen Netzwerken führen zum Einstieg in den Widerstand. Bald wird die Kommunikation mit Amtsgerichten, Finanzämtern, Führerscheinstellen zum Schlachtfeld der Wahl, das Internet zur Waffe und das Leben in einer ideologischen Blase zu einer vermeintlichen Realität.

Einige Zeit vor der Premiere ergänzen zwei Zusatzveranstaltungen in der Vierten Welt die Performances. Unter dem Titel Reichspraxiswerkstatt wird das Thema bei einem Expertengespräch vertieft und bei einer offenen Probe Material für die Theaterarbeit gezeigt.

internil entwickelt seit 2005 Theater, Performances und Mimikrymodelle. Die multimedial umgesetzten Arbeiten reflektieren explizit politische und gesellschaftliche Entwicklungen der jüngeren Gegenwart und sind deutschlandweit an Theatern und bei Festivals zu sehen. Und wie in den meisten internil-Stücken ist das Publikum auch bei „Staatenlos“ mittendrin.

Von und mit: Katharina Haverich, Marina Miller Dessau, Arne Vogelgesang, Christoph Wirth Ausstattung primavera*maas Interaktionsdesign Holger Heißmeyer Produktion Annett Hardegen

REICHSPRAXISWERKSTATT                15. und 16. September 2017
PREMIERE                                         13. Oktober 2017, 20 Uhr
WEITERE VORSTELLUNGEN               14., 16., 17. Oktober 2017
ORT DER PERFORMANCES                   Theaterdiscounter | Klosterstraße 44 | 10179 Berlin
ORT DER WERKSTATT                      Vierte Welt | Neues Zentrum Kreuzberg | Galerie 1. OG | Kottbusser Tor | Adalbertstr. 96
TICKETS                                                       tickets@theaterdiscounter.de oder +49 (30) 28 09 30 62
PREISE                                                         15,-Euro, ermäßigt 10,-

Eine Produktion von internil in Kooperation mit Theaterdiscounter Berlin & Vierte Welt Berlin Koproduktion NFT Netzwerk Freier Theater Gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds.