Ansichts-Karten von gestern nach morgen

Eine Theaterperformance arbeitet mit neuer Emotionalität in der Geschichtsvermittlung an die junge Generation

„Jude“ zählt auf deutschen Schulhöfen wieder zu den häufigsten Schimpfwörtern. Das wissen auch die Schüler der Ernst- Haeckel-Oberschule in Berlin Hellersdorf. Dabei dient das Wort nicht mehr dazu, Juden zu verunglimpfen, sondern hat sich ohne Bezug zu seiner Ursprungsbedeutung als allgemeines Schimpfwort verselbständigt. Was ein Jude ist, und was Deutsche Geschichte mit Juden zu tun hat, erfahren Berliner Schüler laut gültigem Lehrplan erst in der 10. Klasse, im großen Themenkomplex über europäische Diktaturen und Demokratie. Für dieses Pensum steht in Berlin eine Stunde Geschichtsunterricht pro Woche zur Verfügung.

Es ist wichtig, gegen das Vergessen zu arbeiten. Der Unterricht reicht nicht mehr aus, um das aufzuarbeiten, was heute umso mehr gefordert ist. (Jördis Gierig, Lehrerin an der Ernst-Haeckel Schule, Pädagogische Begleitung Ansichts-Karten)

Die Theatergruppe spreeagenten ist auf Videomaterial mit Interviews von Zeitzeugen gestoßen und hat, berührt von der Intensität und Eindringlichkeit der Berichte, dieses Material als Grundlage für eine biographische und persönliche Theaterarbeit genutzt. Durch den kreativen Umgang mit den Zeitzeugeninterviews und professionelle Unterstützung durch die Regisseurin Susanne Chrudina und die Videokünstlerin Branka Pavlović entstand eine mediale Theaterperformance mit neun Schülerinnen. Jede hat sich dazu einen Zeitzeugen ausgesucht, mit dem sie in Tableaus und szenischen Miniaturen virtuell Kontakt aufnimmt. In „Ansichts-Karten“ senden die jungen Darsteller schließlich auch ihre Botschaft an die Zeitzeugen zurück. So entstand über emotionalen Zugang eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Holocaust.

Die Beschäftigung mit dem NS hilft uns auch für die heutige Zeit. Es wird ja immer populärer, rassistisch zu sein, es nimmt ja immer mehr zu, dass Menschen etwas gegen andere Nationen, gegen andere Kulturen haben. (Emily)

Die „Ansichts-Karten von gestern nach morgen“ hatten Ende September 2015 Premiere. Ausschnitte aus dem gut einstündigen Theaterabend wurden am 20. Januar bei „denk!mal 2016!“ im Plenarsaal des Abgeordnetenhauses Berlin gezeigt.

10`Aufführung Abgeordnetenhaus: https://www.youtube.com/watch?v=XC5LMEjcIPY
5` Stück-Trailer: https://vimeo.com/150585438

Von und mit: Domenik Fuhr, Gwenn-Ernestine Habeck, Sabrina Hirchert, Selina Kempe, Lisa Knorr, Madleen Schluck, Menja Schulz, Emelie Stein, Samantha Virginia Thews

Konzept, Regie: Susanne Chrudina | Video: Branka Pavlović | Ausstattung: Achim Naumann d’Alnoncourt| Dramaturgische Mitarbeit: Dagmar Domrös | Pädagogische Begleitung: Jördis Gierig | Assistenz: Olga Ramirez Oferil

ORT                 Theater o.N.| Kollwitzstraße 53 |10405 Berlin
TERMINE:       10. März 2016, 18 Uhr | 11. März 2016, 10 Uhr  und 13 Uhr
6. April 2016, 19 Uhr | 7. April 2016, 11 Uhr
TICKETS           karten@theater-on.com | 030 440 92 14
PREISE             7 €, ermäßigt 5 €.