Anna Seghers‘ Erzählung mit junger Perspektive auf der Bühne
Das junge Ensemble in der jtw Spandau widmet sich Anna Seghers´ Erzählung „Der Ausflug der toten Mädchen“, in der die Autorin beschreibt wie ein politisches System sich in die Freundschaften einer Mädchenklasse eingräbt und sie auseinanderbringt. Dabei verknüpft das Ensemble das erdrückende Wirklichkeit zur Zeit der Weltkriege mit den Erfahrungswelten der jungen Spieler*innen von heute und spinnt die autobiografische Geschichte von Seghers fort, indem sie Seghers späteres oft widersprüchliches Handeln in der DDR mit aufgreifen.
Ich spüre jetzt einen unermesslichen Strom von Zeit,
unbezwingbar wie die Luft.
Die Regisseurin Josephine Witt erkundet den Text, der vor 80 Jahren erstmals publiziert wurde, mit 15 Jugendlichen Spieler*innen zwischen 16 und 28 Jahren und bringt die existenziellen Abgründe unter Freundinnen in einer Zeit gesellschaftlichen Terrors auf die Bühne. Was bedeutet Verrat in Zeiten gezielter Vernichtung im persönlichen Kontakt?
In der drastischen Erzählung setzt sich Anna Seghers bereits 1944 im mexikanischen Exil dem Entsetzen aus, das das NS-System über die Mädchen gebracht hat – noch bevor dieses sein Ende fand. Ihre Kindheitsfreundinnen sind tot. Teils wurden sie im KZ getötet, teils haben sie den Gashahn aufgedreht.
Diesen persönlichen Albtraum verwebt die Inszenierung mit Briefen von Anna Seghers aus späteren Lebensphasen der Schriftstellerin. Den autofiktionalen Ansatz der Geschichte greifen die Jugendlichen auf, um ihrerseits als Ich-Erzählerinnen auf der Basis eigener Erfahrungen ein gesellschaftliches Stimmungsbild zu zeichnen, das die Zeitreise durch finstere Abschnitte deutscher Geschichte aus Anna Seghers` Text bis in die Gegenwart verlängert.
Was? Die wählt jetzt auch AfD!? In meinem Kopf ratterts.
Ich rede wie ein Wasserfall, um nicht darauf reagieren zu müssen.
Die Autorin Anna Seghers (1900 -1983) war Trägerin des Kleist und Büchner-Preises und von 1952 bis 1978 Präsidentin des Schriftstellerverbandes der DDR. „Ausflug der toten Mädchen“, in der sie die Grauen der Kriege aus weiblicher Perspektive beschreibt, entsteht nachdem sie vom Tod ihrer jüdischen Mutter im Ghetto erfährt, der sie den Text widmet. Ins Exil ging sie als Jüdin und Kommunistin direkt nach der Machtergreifung Hitlers.
Wie waren die Anfänge systemischer Menschenverachtung damals? Erleben wir sie heute wieder?
Die jtw Spandau ermöglicht jungen Menschen eine Zusammenarbeit von professionellen Kunstschaffenden mit nicht professionellen Akteur*innen. Josephine Witt ist Regisseurin und Autorin. Die Absolventin der Hochschule Ernst Busch bewegt sich oft innerhalb der Methodik der Stückentwicklung. Regelmäßig arbeitet sie mit Formen der Über- und Fortschreibung bestehender Archetypen und Sujets des Kanons. Sie arbeitet mit professionellen und nicht-professionellen Schauspieler*innen, Jugendlichen, Menschen mit Behinderungen. Witt bezieht die Perspektiven, Wünsche und besonderen Fähigkeiten ihres Ensembles in den künstlerischen Prozess ein. Sie überschreitet konsequent die Grenzen des klassischen Sprechtheaters.
Von und mit Jugendlichen aus Spandau und Berlin
Regie Josephine Witt Bühne Jakob Gerber Kostüm Lenna Stam Dramaturgie & Projektleitung Karola Marsch Produktionsleitung: Ioana Elena Urda Regieassistenz Mia Lehrnickel Technische Betreuung Chris Meinel & Marco Sternsdorf
Premiere 18. September 2026 – 19 Uhr
Weitere Vorstellungen 19., 22., 23., 24., 25. September 2026
9. November 2026
Uhrzeiten siehe Homepage
Preis Eintritt frei | Spende erwünscht
Anmeldung unter www.jtw-spandau.de
Ort jugendtheaterwerkstatt Spandau
Adresse Gelsenkircher Straße 20 | 13583 Berlin
Ein Projekt der jtw Spandau, gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds Berlin.